27. Juni 2012

Von: Markus

Mittendrin oder nur dabei?

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Als wir vor gut sechs Monaten die Grenze nach Peru überradelt haben, war in den Bergen gerade Regenzeit. Deshalb haben wir uns damals entschieden die Küste runter zu fahren. Nun haben wir noch drei Wochen Zeit bis zum Rückflug nach Deutschland. Zu viel zum Nichtstun, und zu wenig um mit dem Rad in den Norden zu fahren. Also leihen wir uns ein Auto, stellen die Ortliebtaschen in den geräumigen Kofferaum und kaufen freudig eine größere Auswahl an Lebensmittel ein. Wir haben ja nun reichlich Platz!

Mit einer gewissen inneren Anspannung manövriere ich das Auto aus der Großstadthölle Lima. Besonders in den sehr armen Vororten bietet das Auto eine gefühlte Sicherheit. Wir sind durch Blech und Glas abgeschottet von der chaotischen schmutzigen Welt der Slums. Wir atmen durch, als wir wieder Natur erreichen und der Verkehr lichter wird. Ich frage mich, wie wir wohl von außen wirken. Der blitzblanke neue SUV sendet Signale des Reichtums. Sind wir in einem solchen Auto eigentlich wirklich sicherer? Mit einer einfachen Straßensperre, oder irgendeinem anderen Vorwand, um uns um Anhalten zu bewegen, sind wir leichtes Opfer. Mit dem Fahrrad haben wir uns das Land erarbeitet. Klar waren wir als Touristen, als Gringos, zu erkennen, aber wir waren meist schmutzig und verschwitzt. Wir sitzen “nur” auf dem Rad, dass hier andere Menschen auch als Transportmittel nutzen. Wir sind den einfachen, armen Menschen viel näher als in der glänzend silbernen Blechhülle.

Diese Blechhülle ist mächtig motorisiert! Mit leichten Fußbewegungen und einem spaßigen Kurbeln am Lenkrad kurven wir spielend bergauf. Fahrspaß pur! In zwei Stunden sind wir von 0 auf 4800 Meter! Das fällt uns erst so richtig auf, als wir kurz vor dem Pass aussteigen, um Fotos zu machen. Es ist ziemlich kalt und windig hier oben. Mit dem Rad hätten wir drei Tage hier rauf gebraucht. Der schnelle Klima-, und Landschaftswechsel ist irritierend. Wir kennen diese Landschaften, haben sie alle mit dem Fahrrad erfahren, aber mit dem Auto ging es so schnell, dass es sureal wirkt. Die Landschaft hier oben auf dem Abra Anticona paßt dazu. Die Berge sind durch unzählige Mienen verunstaltet. Es ist ein Farbenspiel der Gesteine, aber unnatürlich und nicht schön.

Bergab mit dem Auto ist wie Go-Kart fahren. 1000 Kurven, die Straßen sind frei und ich passe mich den offenen peruanischen Regeln des Straßenverkehrs an und fahre Ideallinie. Als wir unser Ziel in Tarma, die Hacienda La Florida erreicht haben, ahne ich schon, dass mich dieses Kurvenfahren, vielleicht das Autofahren imsgesamt, nach ein paar Tagen langweilen, wenn nicht sogar nerven wird. Am nächsten Morgen habe ich Rücken! Ich bin einfach nicht zum Stillsitzen gemacht. Zum Glück geht es mir nach passenden Verrenkungen und etwas Strecken wieder besser.

Wir sind insgesamt drei Wochen mit dem Leihwagen unterwegs und legen am Ende ca.4000 km zurück. Wir leisten uns das teuere Auto, weil wir so von diesem Land noch sehen können, was wir mit dem Rad nicht mehr schaffen würden. Und wir geniessen die Möglichkeit “mal eben” einen Abstecher zu machen, der auf einer Schotterstraße für vielleicht 20 km bergauf von der eigentlichen Route abweicht. Mit dem Rad bedeuten solche Abstecher mitunter einen Tag mehr. Ein Tag, an dem wir uns mit Essen und Trinken versorgen müssen, dass irgendwie in den Satteltaschen passen muss. Ein Tag mehr nach einer vielleicht schon anstrengenden Woche auf dem Rad. Der Besuch solcher Attraktionen abseits des Weges ist da mit dem Auto deutlich leichter zu bewältigen. Wir stellen aber fest, dass die Wertschätzung, die Freude und auch das siegreiche Gefühl mit dem Rad ein cooles Ziel erreicht zu haben, mit dem Auto auf nahe Null sinkt! Ohne vorherigen Anstrengung, macht die dann unverdiente Siegesfeier eben nur halb so viel Freude!

Wir fahren alle unsere Wunschziele an und machen Haken auf der Checkliste der sehenswerten Orte Perus. Fahren wir durch Dörfer und halten an um einzukaufen, habe ich Sorge, das Auto unbewacht stehen zu lassen. So suchen wir uns immer Übernachtungen, die einen sicheren Parkplatz bieten. Mit den Rädern war das leichter und deutlich billiger. Wenn ich in einer Stadt aus dem Auto klettere, fühle ich mich fremder als zuvor mit dem Rad. Aussteigen aus dem Auto ist wie Fernseher aus und raus in die Wirklichkeit. Ich kann mich erst am Ankunftsort akklimatisieren und wieder, im wahrsten Sinne des Wortes, Boden unter den Füßen gewinnen.

Die Vorteile des Autos liegen klar auf der Hand und wir haben sie in den drei Wochen ausgiebig genutzt. Aber ich freue mich, wenn wir bald in Amsterdam landen und wieder auf unsere Räder steigen, um nach Bremen zu fahren. Das mit dem Auto bin nicht ich. Ich brauche mein Rad um zu sein wo ich fahre!

 

4. Mai 2012

Von: Markus

Der Luxusartikel

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Es ist 21:00. Hier in Cusco ist es bereits seit drei Stunden dunkel. Ich liege im Zimmer unseres Hostals unter drei Decken. Es ist kalt und es gibt hier keine Heizung in den Häusern und Hostals. Ich habe einen langärmligen Pulli an, denn sonst frieren meine Arme beim Schreiben. Am liebsten würde ich mich heute ein zweites Mal duschen. Aus der Dusche hier kommt richtig viel Wasser und es ist wunderbar heiß. Das ist nicht immer so In Peru und wir wissen es zu schätzen seit dem wir in der Sierra sind, denn hier oben fallen die Temperaturen nachts oft auf den Gefrierpunkt.

Wir haben vier Klassen einer Abendschule besucht und von unserer Reise erzählt. Die Schülerinnen und Schüler sind zwischen 8 und 18 Jahre alt. Sie gehen zur Abendschule, weil sie tagsüber arbeiten müssen. Diese Schule ist durch Projektgelder und durch die Schulgebühren finanziert, die die Kinder von ihrem sauer verdienten Geld bezahlen. Es gibt nur vier Klassenstufen, aber durch diese Schule sind die Chancen auf einen Job und ein selbstbestimmtes Leben viel größer. Deshalb kommen die Kinder freiwillig hierher!

Wir haben insgesamt drei Wochen Spanischunterricht hier in Südamerika genommen. Die Sprache hilft uns Kontakt zu den Menschen zu bekommen und somit die Kultur besser zu verstehen. Trotzdem fehlen mir viele spanische Worte um frei über ein Thema sprechen zu können. Immer wieder muss ich nachfragen, weil ich die Menschen nicht verstanden habe. So bleibt ein Gefühl wie in einer Zwangsjacke, weil ich mich nicht richtig mitteilen kann. Oft schweige ich, weil ich für das, was ich sagen will nicht die Vokabeln kenne.

Vor ein paar Tagen hat es mich erwischt. Ich hatte Grippe und habe mit Fieber im Bett gelegen. Zum Glück haben wir viel Zeit auf unserer Reise und können, wenn einer von uns krank ist, so lange Pause machen bis wir wieder fit genug sind, um mit dem Rad über die Berge zu fahren. Die Menschen hier verdienen an den Tagen, an denen sie wegen Krankheit nicht arbeiten, kein Geld. Es gibt nicht viele, die eine Krankenversicherung haben, wie wir in Deutschland. Das ist bitter, denn das Geld ist sowieso knapp, und durch die Krankheit wird es noch weniger. Oft sind dann noch teure Medikamente fällig.

An solchen Tagen, wenn es einem von uns nicht gut geht, vermissen wir unsere Freunde. Jemand dem wir mal unser Herz ausschütten können. Vor allem Jemand der unsere Sprache spricht und den wir gut genug kennen so daß wir uns wirklich verstehen. Ich begreife nun gut, warum sich in Deutschland die Migranten oft in bestimmten Vierteln einer Stadt niederlassen, oder warum sie gerne mit Menschen aus ihrem Heimatlamd zusammen sind. In einer fremden Welt ist es einfach schön Jemanden zu haben, der die gleiche Sprache spricht.

Ich schreibe an einem IPad, einem sehr modernen Gerät und habe Zugang zum Internet. Zugang zur Welt, zur Information und ich kann darüber mit Freunden und Familie kommunizieren. Computer sind hier deutlich teurer als in Deutschland und das Durchschnittseinkommen liegt um ein Vielfaches niedriger als bei uns. Für die meisten ist ein Rechner unerschwinglich. Hier gibt es, ich vermute vom Staat gefördert Internetcafés. Die sind günstiger und bieten die Chance auf die Möglichkeiten des Internets.
Wir lieben gutes Essen! Hier in Peru ist inzwischen eine ganz landestypische Küche mit vielen leckeren Spezialitäten enstanden. Ich glaube wir haben in den guten Restaurant inzwischen alles ein Mal ausprobiert.
Wir haben auch mit den Kindern hier im Hort gegessen. Sie haben Hunger und es ist unglaublich welche Mengen sie verputzen können. Sie fragen nicht was es gibt, sie beschweren sich auch nicht. Auch habe ich keinen Teller gesehen auf dem Reste liegen geblieben sind. “Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.” Ein Spruch meiner Mutter, den ich als Kind nahezu gefürchtet habe, denn ich war doch ziemlich lecker und habe vieles nicht gemocht.

Wir können uns leisten zu Reisen. Es ist wohl die eindrücklichste Form des Lernens. Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit anderen Kulturen, Sprache, und der Vergleich mit dem eigenen Leben in der Heimat. Kein Frontalunterricht eines Lehrers über ein Thema was uns aktuell gar nicht betrifft.

Wer sind wir, dass wir uns beklagen, wenn der Lieblingsjoghurt ausverkauft ist, wenn wir morgens früh aufstehen müssen um zur Arbeit zu gehen, wenn das Internet zu langsam ist, oder wenn das tolle T-Shirt im Schaufenster 20,-€ kostet? Warum schauen wir neidisch auf des Nachbarn neues Auto, Fernseher oder Mobiltelefon, wenn unser Equipment gut funktioniert?

Auch ich vermisse einiges von dem Luxus, des bequemen Lebens und der Sicherheit in Detuschland, nachdem wir nun 10 Monate mit dem auskommen was auf ein Fahrrad paßt. Ich bin in dieser Welt des Luxus aufgewachsen und sehr daran gewöhnt.
Aber ich will versuchen mich nicht mehr zu beklagen, denn eigentlich habe ich kein Recht dazu. Mit all den Möglichkeiten in Deutschland kann ich mein Leben so einrichten, wie es mir gefällt. Ich muß mich nur entscheiden was ich will!
Ich habe die Wahl, und das scheint mir der größte Luxus zu sein!

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23. April 2012

Von: Alexandra

Yanapanakusun

Cusco, der Nabel der Welt. Wir haben uns hier für eine Unterkunft entschieden, deren Geld hauptsächlich einem guten Zweck zugute kommt. Die Organisation heißt Yanapanakusun (Quechua für “Wir helfen einander”) und kümmert sich um Kinder und Jugendliche, hauptsächlich Mädchen, die von ihren Familien in die Stadt geschickt wurden in dem Glauben, sie bekämen eine Ausbildung, wenn sie im Gegezug ein wenig im Haushalt helfen würden. Die Realität sieht leider meist anders aus. Die Kinder gehen gar nicht zur Schule und arbeiten bis zu 18 Stunden am Tag mit wenigen Pausen und wenig zu Essen. Diese Mädchen werden fast immer ökonomisch und oft körperlich und sexuell missbraucht. Die meisten verlieren den Kontakt zu ihren Familien. Dieser Ort kümmert sich um diese Mädchen, klärt sie über ihre Rechte auf, bietet ihnen eine Schulausbildung und somit eine Zukunft. Im Laufe der Jahre ist das Projekt gewachsen und betreibt jetzt auch Aufklärung in den ländlichen Gemeinden um die Migration der jungen Menschen zu verhindern und die Familien aufzuklären.

Heute waren wir das erste Mal hier frühstücken. Einige dieser Mädchen arbeiten in der Küche, aber unter sehr guten Bedingungen. Die Küche ist warm (tatsächlich einer der wenigen warmen Räume überhaupt hier in den Anden) und die Touristen sind nett. Das Kümmern in der Küche hat eine alte, italienische Frau, so um die 80 Jahre alt, übernommen. Sie ist diejenige, die damals begonnen hat, Kinder bei sich aufzunehmen, die als billige Haushaltsangestellte missbraucht wurden. Sie ist sehr dünn, ihr Rücken ist gekrümmt, ihr Gesicht hat 1000 Falten mit einem liebevollen Ausdruck darin und ihr Haar ist weiß und ein wenig durcheinander. Sie saust durch die Küche und passt auf, dass keiner hungrig wieder raus geht und zwischendurch hat sie noch Zeit für einen gelegentlichen Zug an ihrer Zigarette. Als eines der Mädchen sich, mit einem belegten Brötchen in der Hand, auf den Weg zur Schule macht, vergisst sie nicht sich bei diesem über 80igjährigen Energiewunder zu verabschieden und freut sich über ein paar herzerwärmende Worte für den Weg.

Aus Respekt vor den Kindern gibt es diesmal kein Foto!

 

10. April 2012

Von: Alexandra

Leidensweg und Freudentränen Teil 7

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Teil 7 Krankenschwester, Aberglaube und Hüte

Heute Morgen sieht Markus übel aus. Er hat kaum geschlafen weil sein Auge tränt und weh tut. Außerdem hatte er die ganze Nacht mit Atemnot zu kämpfen, wegen der dünnen Luft hier oben. Er sagt, er könne heute nicht Rad fahren und er braucht mich nicht lange überzeugen. Sein Auge tränt wie ein Wasserfall und sieht ungesund rot aus. Also mache ich mich auf, jemanden zu finden, der uns nach Cabanaconde bringt.

Meine erste Hoffnung ist die Polizeistation. Der freundliche Polizist erklärt mir, das es nur eine Möglichkeit gibt und das ist der Bus am Nachmittag. Er würde uns bringen, aber das Polizeiauto ist kaputt und muss nach Arequipa um repariert zu werden. Und dieses Auto ist das einzige im Dorf, wodurch es hier so wunderbar ruhig ist. Der Polizist erzählt weiter, das es eine Gesundheitsstation im Dorf gibt. Er bringt mich hin, klingelt und erklärt der Krankenschwester das Problem. Sie sagt, es sei das Beste Markus hierher zu bringen, damit sie sein Auge untersuchen kann.

Also mache ich mich auf den Rückweg zu unserem “Hotel” um Markus zu holen, der nicht wirklich besser ausschaut. Die Krankenschwester begutachtet sein Auge und sagt es sei entzündet aufgrund von Wind, Staub und der Höhe. In dieser Gegend sei es ein bekanntes Problem. Sie gibt ihm eine Spritze Diclophynac, deckt sein Auge mit einer Binde ab, damit es zur Ruhe kommt und vor Staub geschützt ist. Sie sagt, wir sollen so bald wie möglich nach Cabanconde, denn dort gibt es eine Apotheke die Augentropfen verkauft. Die komplette Behandlung hat nur 3 Soles (weniger als 1 €) gekostet. Ich bringe Markus zurück ins Hotel, wo er sich ins Bett legt und augenblicklich einschläft. Die Spritze wirkt offensichtlich ganz wunderbar! Die medizinische Versorgung hier hat sicherlich ihre Grenzen, aber die Krankenschwester weiß, was sie tut und der Preis ist unschlagbar.

Während Markus schläft gehe ich ein wenig spazieren. Es scheint, dass bereits das ganze Dorf von unserem Gesundheitsproblem weiß. Freundlich, wie sie sind, fragen sie ob es Markus besser geht und wie wir nach Cabanaconde kommen. Einige meinen Markus solle Ruta nehmen, ein Pflanze, mit der er über sein Auge streichen solle, um die bösen Geister zu vertreiben, die ihn belasten. Der Polizist sagt, er hätte es bereits erfolgreich angewendet und er trage immer etwas davon unter seinem Hut, das halte ihn gesund! Ich nehme etwas Ruta mit, schaden kann es ja nicht!

Dieses Dorf ist der friedlichste Ort den ich je gesehen habe. Umgeben von Bergen mit Terrassenfeldern aus der Pre-Inkazeit, die noch immer genutzt werden. Auf den Weiden stehen saubere, glückliche Kühe und Schafe. Hier und dort läuft ein Schwein durch das Dorf. Die Arbeit auf den Feldern ist Handarbeit. Ich bin mir sicher, dass es harte Arbeit ist, aber die Menschen haben keine Eile und immer Zeit für ein Gespräch. Das wichtigste ist jedoch die Ruhe, weil es, wie gesagt, keine Autos gibt. Wer in die Stadt will nimmt den Bus, der ein Mal täglich von Cabanconde nach Arequipa und zurück fährt. Gegessen wird hier, was auf den Feldern wächst. Frisch und gesund!

Zurück im Hotel geht es Markus deutlich besser. Der Schmerz ist fast weg und er ist etwas erholt. Wir packen unsere sieben Sachen und gehen zum Mittag ins gleiche Restaurant wie gestern Abend. Das Essen ist lecker und die Frau erkundigt sich nach Markus Gesundheit. Ich könnte hier eine Weile bleiben, wenn das Hotel etwas besser wäre. Satt gehen wir zum Plaza de Armas um auf den Bus zu warten. Wir sind früh dran, aber nach und nach trudeln mehr Menschen ein, die ebenfalls mit dem Bus nach Cabanaconde wollen. Unter ihnen ist auch eine Mutter mit ihrer Tochter, beide tragen die traditionellen Colca-Hüte. Um die Zeit zu vertreiben und weil das Mädchen so süß ist spreche ich sie an. Sie ist pfiffig, stellt Fragen über unsere Reise, will wissen was in den Taschen ist, wo wir nachts schlafen und wie man die Lenkertasche abnimmt. Ich mache es vor und sie macht es nach. Dann schiebe ich sie auf meinem Rad um den Platz. Als ich sie um ein Foto von uns beiden bitte, leiht sie sich den Hut von ihrer Mutter, damit ich auch einen habe.

Nachdem der Bus endlich da ist und das übliche Prozedere des Ausladens erledigt ist, werden unsere Räder auf dem Dach verzurrt zusammen mit Säcken voller Kartoffeln und anderem Gepäck. In letzter Minute muß noch ein Reifen gewechselt werden und so verzögert sich unsere Abfahrt noch ein wenig. Ich nutze die Zeit und kaufe Schokolade für uns und meine neue Freundin. Dann endlich geht’s los.

Auf dem Weg weiter rauf in die Berge, steigen immer mehr Menschen zu. Viele Frauen in traditioneller Colca Tracht mit Bündeln von Holz und anderen Sachen in ihren Tragetüchern. Sie müssen bereits eine ganze Weile in der Kälte gewartet haben, da der Bus so viel Verspätung hat. Wieder habe ich Respekt vor diesen Menschen, die in solche einer extremen Umgebung leben.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Cabanaconde. Wir nehmen unsere Räder in Empfang und gehen zu einem Hostal direkt am Plaza. Es ist ein günstiges, charmantes Plätzchen mit warmen Federbetten und einer heißen Dusche. Ich hole die Augentropfen aus der Apotheke während Markus sich mit einem anderen deutschen Paar unterhält. Es scheint, das wir es wieder einmal geschafft haben!

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9. April 2012

Von: Markus

Leidensweg und Freudentränen Teil 6

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Teil 6 Zwei Pässe und ein Matschauge

Als ich heute morgen aufwache, brennt mein rechtes Auge. Ich hatte das schon öfter, aber diesmal wird es auch nach dem Frühstück nicht besser. Mit Sonnenbrille und Alex Schirmmütze blendet es nicht mehr und es tränt weniger.

Wir wollen heute über zwei Pässe mit 4200 m Höhe. Gegen die bisher leichten Symptome der Höhenkrankheit (Müdigkeit, Kopfschmerzen) nehmen wir beide eine Sorroche Pille. Offensichtlich hilft das Aspirin darin auch gegen mein Matschauge, denn als wir auf dem Rad sitzen merke ich nichts mehr davon.

Wir fahren auf deutlich besserem Schotter und gutem Wetter mit mäßiger Steigung bergauf. Der Weg schlängelt sich durch eine sanfte Hügellandschaft. Der Vormittag ist ein Radlertraum! Oben auf dem ersten Pass weht ein kalter Wind. Wir suchen uns ein geschütztes Plätzchen und essen Mittag. Als ich meine Sonnenbrille absetze, meldet sich mein Auge empfindlich zurück. Ich setze die Brille wieder auf und versuche es zu ignorieren. Wir ziehen uns für die Abfahrt wärmer an und rollen gemütlich ins Tal. Wir werden von einem richtigen großen Bus überholt. Ich wundere mich immer wieder auf was für Wegen (wir sind immer noch auf einem Schotterweg) in diesem Land Busse verkehren.

Der zweite Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Weil unsere Beine das inzwischen anstrengend finden machen wir alle 50 Höhenmeter eine kurze Atempause und kommen in diesem Rhythmus gut oben auf dem zweiten Pass an. Die Aussicht hier oben ist wunderbar. Überall sind schneebedeckte Gipfel zu sehen. Die inzwischen zahlreichen Wolken zaubern fantastische Formen an den Himmel und sorgen für ein wechselhaftes Lichtspiel an den Berghängen. Ein Vicuña läuft vor uns über den Weg, verschwindet kurz hinter einem Hügel und taucht wenige Meter später mit dem Kopf wieder auf um uns zu beobachten.

Wir ziehen uns wieder warm an. Es folgt eine schier endlose, wenn auch recht langsame Abfahrt auf Schotter. Alex rutscht zwei Mal mit dem Vorderrad weg, kommt aber mit dem Schrecken davon. Die Landschaft wechselt ständig. Immer wieder gibt es neue Farben und Felsformationen. Weiter unten gibt es wieder Terrassenfelder zu sehen.

Um 17:00 kommen wir durchgefroren in Huambo an. Das einzige Hostal im Dorf ist zu, weil die Besitzerin noch auf dem Feld ist, um Oregano, eines der wichtigen Produkte dieses Dorfes, zu ernten. Auf der Suche nach einem Restsurant fragen wir zwei Frauen in bunter, voluminöser Tracht und Alex bekommt prompt Schelte, weil sie viel zu dünn angezogen sei.

Das Restaurant ist gegenüber und von außen als solches kaum zu erkennen. Drinnen sind vier Kunststofftische, ein kleiner Tresen und ein Fernseher. Zwei Einheimische haben sich ein Programm mit einem Kung Fu Film herausgesucht. Essen gibt es um 18:00 wie uns die Besitzerin, Köchin und Kellnerin in einer Person, mitteilt. Sie sieht wohl, dass uns kalt ist und bietet uns Tee an, den wir gerne trinken. Mit der warmen Tasse in der Hand kommt wieder Leben in unsere Körper und wir merken unsere Müdigkeit. Mein Auge brennt wieder im kalten Neonlicht. Es gibt keine Karte, hier wird gegessen was auf den Tisch kommt und das ist superlecker. Alle Zutaten in der Suppe und im Reisgericht sind hier gewachsen und frisch zubereitet. Alex ignoriert deswegen auch ihr Vegetarierdasein und langt kräftig zu.

Es ist dunkel als wir zum Hostal rüber gehen. Das Haus ist halb fertig, unser Zimmer ist sehr einfach und die Dusche auf dem Flur überschwemmt das ganze Bad als wir sie benutzen, aber heute ist alles egal. Ich will ins Bett, mein Auge zumachen und schlafen.

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4. April 2012

Von: Alexandra

Leidensweg und Freudentränen Teil 5

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Teil 5 Lechero – Der Milchwagen

Der nächste Tag ist besser. Es ist nicht weit nach Lluta und wir können den ganzen Weg auf dem Rad sitzend fahren! Allerdings quälen wir unsere Fahrräder immer noch auf einem groben Schotterweg. Mehr als 15 km/h ist auch bergab nicht drin!

Mittags erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein das kleine Dorf. Wir fragen nach dem Lechero, dem Milchwagen, der uns hoffentlich bis zum Cruce de Huambo mitnimmt und uns somit ein paar km bergauf auf groben Schotter erspart bleibt. Der Lechero soll um 14:00 kommen und unser Gepäck und die Räder sind kein Problem. Bis dahin ist nicht mehr zu tun als in der Sonne zu sitzen und zu warten, was uns nach den letzten Tagen nicht besonders schwer fällt.

Der Milchwagen kommt um 14:30. Auch er hatte seine Probleme mit den Straßenverhältnissen. Es dauert ein Weile, bis alle Fahrgäste mit ihrem Gepäck vom LKW geklettert sind. Hier gibt es keinen Busverkehr und so ist der Lechero das Transportmittel für die Menschen in Lluta. Er kommt zwei Mal durch den Ort auf seiner Rundfahrt um die Milchkannen einzusammeln und zur Gloria, der Molkerei, zu bringen.
Der alte, etwas klapprige, LKW hat einen hohen Holzaufbau jedoch kein Dach. Er wird von zwei Männern begleitet. Einer fährt und der andere sammelt die großen Alumilchkannen ein, die von den Bauern etwas versteckt am Strassenrand bereitgestellt wurden.

Wir laden unsere Räder über die hohe Bordwand und klettern selbst mit unseren Taschen durch die kleine Luke in der Seitenwand. Mit uns steigen noch einige andere aus dem Dorf zu. Als wir losfahren fällt uns auf, dass alle warm angezogen sind und weitere Umhänge und Jacken bereit halten. Unsere Jacken sind irgendwo auf der Ladefläche in unseren Taschen vergraben….

Es geht los und zunächst runter in einen Cañon. Immer wieder halten wir, um neue Milchkannen einzuladen oder weil einige aus-, und andere zusteigen. Die Schotterstraße ist gerade breit genug für ein Fahrzeug und in schlechtem Zustand. Ich hoffe einfach, dass uns kein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Markus steht auf den Milchkannen und schaut über die Bordwand. Ich habe schnell entschieden, das es für mich besser ist, unten zu sitzen. Ich will gar nicht sehen wie dicht die Räder des LKW neben dem abenteuerlichen Abgrund rollen. Die anderen Fahrgäste sind weniger besorgt. Drei Frauen spielen Karten und ein kleiner Junge ist auf einem Kartoffelsack eingeschlafen. Immer wenn der Laster durch ein besonders tiefes Schlagloch rumpelt, wacht er auf und lacht. Für ihn ist es wohl eher eine dreistündige Achterbahnfahrt.
Auf der anderen Seite des Cañon müht sich der LKW immer weiter bergauf. Es wird kalt und die Wolken drohen mit Regen. Die anderen ziehen sich wärmer an und wir ärgern uns, dass wir so dünn angezogen sind. Die Ladefläche ist inzwischen fast vollständig mit Milchkannen gefüllt und alle sitzen oder stehen auf den vollen Kannen.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit des Frierens und Schaukelns erreichen wir das steinerne Portal mitten im Nichts. Hier teilt sich die Straße und wir steigen aus und zahlen unseren Obolus von 10 Soles (2,80€). Andere nutzen den kurzen Stopp um Tee wegzubringen, oder um einen besseren Platz auf den Milchkannen zu ergattern.
Wir machen ein letzte Foto und alle winken uns zum Abschied zu. Dann beeilen wir uns, um uns wieder warm zu fahren, jedoch nicht mehr weit, denn diese Hochebene ist der ideale Zeltplatz für die Nacht.

Nachdem unser Lager eingerichtet ist kochen wir Tee. Von irgendwo kommt eine indigenen Hirtin auf uns zu. Sie ist in mehreren Lagen warmer Wollsachen gekleidet und trägt ein Bündel Feuerholz in dem typischen Tragetuch auf dem Rücken. Sie passt auf die Kühe und Schafe auf, die besonders im Mai, wenn die Tiere fett sind oft gestohlen werden. Wir laden sie zum Tee ein und teilen unsere Packung Kräcker, die sie gerne annimmt. Bevor die Sonne untergegangen ist macht sie sich auf den Weg. Ich habe grossen Respekt vor den Menschen und ihrem harten Leben hier oben. Alles fügt sich dem Rhythmus der Natur, dem auch wir lernen zu folgen.

Wir bereiten unser Abendessen auf dem kleinen Kocher zu und kriechen bald müde und voller Eindrücke in unsere mollig warmen Schlafsäcke.

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