Mittendrin oder nur dabei?

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Als wir vor gut sechs Monaten die Grenze nach Peru überradelt haben, war in den Bergen gerade Regenzeit. Deshalb haben wir uns damals entschieden die Küste runter zu fahren. Nun haben wir noch drei Wochen Zeit bis zum Rückflug nach Deutschland. Zu viel zum Nichtstun, und zu wenig um mit dem Rad in den Norden zu fahren. Also leihen wir uns ein Auto, stellen die Ortliebtaschen in den geräumigen Kofferaum und kaufen freudig eine größere Auswahl an Lebensmittel ein. Wir haben ja nun reichlich Platz!

Mit einer gewissen inneren Anspannung manövriere ich das Auto aus der Großstadthölle Lima. Besonders in den sehr armen Vororten bietet das Auto eine gefühlte Sicherheit. Wir sind durch Blech und Glas abgeschottet von der chaotischen schmutzigen Welt der Slums. Wir atmen durch, als wir wieder Natur erreichen und der Verkehr lichter wird. Ich frage mich, wie wir wohl von außen wirken. Der blitzblanke neue SUV sendet Signale des Reichtums. Sind wir in einem solchen Auto eigentlich wirklich sicherer? Mit einer einfachen Straßensperre, oder irgendeinem anderen Vorwand, um uns um Anhalten zu bewegen, sind wir leichtes Opfer. Mit dem Fahrrad haben wir uns das Land erarbeitet. Klar waren wir als Touristen, als Gringos, zu erkennen, aber wir waren meist schmutzig und verschwitzt. Wir sitzen "nur" auf dem Rad, dass hier andere Menschen auch als Transportmittel nutzen. Wir sind den einfachen, armen Menschen viel näher als in der glänzend silbernen Blechhülle.

Diese Blechhülle ist mächtig motorisiert! Mit leichten Fußbewegungen und einem spaßigen Kurbeln am Lenkrad kurven wir spielend bergauf. Fahrspaß pur! In zwei Stunden sind wir von 0 auf 4800 Meter! Das fällt uns erst so richtig auf, als wir kurz vor dem Pass aussteigen, um Fotos zu machen. Es ist ziemlich kalt und windig hier oben. Mit dem Rad hätten wir drei Tage hier rauf gebraucht. Der schnelle Klima-, und Landschaftswechsel ist irritierend. Wir kennen diese Landschaften, haben sie alle mit dem Fahrrad erfahren, aber mit dem Auto ging es so schnell, dass es sureal wirkt. Die Landschaft hier oben auf dem Abra Anticona paßt dazu. Die Berge sind durch unzählige Mienen verunstaltet. Es ist ein Farbenspiel der Gesteine, aber unnatürlich und nicht schön.

Bergab mit dem Auto ist wie Go-Kart fahren. 1000 Kurven, die Straßen sind frei und ich passe mich den offenen peruanischen Regeln des Straßenverkehrs an und fahre Ideallinie. Als wir unser Ziel in Tarma, die Hacienda La Florida erreicht haben, ahne ich schon, dass mich dieses Kurvenfahren, vielleicht das Autofahren imsgesamt, nach ein paar Tagen langweilen, wenn nicht sogar nerven wird. Am nächsten Morgen habe ich Rücken! Ich bin einfach nicht zum Stillsitzen gemacht. Zum Glück geht es mir nach passenden Verrenkungen und etwas Strecken wieder besser.

Wir sind insgesamt drei Wochen mit dem Leihwagen unterwegs und legen am Ende ca.4000 km zurück. Wir leisten uns das teuere Auto, weil wir so von diesem Land noch sehen können, was wir mit dem Rad nicht mehr schaffen würden. Und wir geniessen die Möglichkeit "mal eben" einen Abstecher zu machen, der auf einer Schotterstraße für vielleicht 20 km bergauf von der eigentlichen Route abweicht. Mit dem Rad bedeuten solche Abstecher mitunter einen Tag mehr. Ein Tag, an dem wir uns mit Essen und Trinken versorgen müssen, dass irgendwie in den Satteltaschen passen muss. Ein Tag mehr nach einer vielleicht schon anstrengenden Woche auf dem Rad. Der Besuch solcher Attraktionen abseits des Weges ist da mit dem Auto deutlich leichter zu bewältigen. Wir stellen aber fest, dass die Wertschätzung, die Freude und auch das siegreiche Gefühl mit dem Rad ein cooles Ziel erreicht zu haben, mit dem Auto auf nahe Null sinkt! Ohne vorherigen Anstrengung, macht die dann unverdiente Siegesfeier eben nur halb so viel Freude!

Wir fahren alle unsere Wunschziele an und machen Haken auf der Checkliste der sehenswerten Orte Perus. Fahren wir durch Dörfer und halten an um einzukaufen, habe ich Sorge, das Auto unbewacht stehen zu lassen. So suchen wir uns immer Übernachtungen, die einen sicheren Parkplatz bieten. Mit den Rädern war das leichter und deutlich billiger. Wenn ich in einer Stadt aus dem Auto klettere, fühle ich mich fremder als zuvor mit dem Rad. Aussteigen aus dem Auto ist wie Fernseher aus und raus in die Wirklichkeit. Ich kann mich erst am Ankunftsort akklimatisieren und wieder, im wahrsten Sinne des Wortes, Boden unter den Füßen gewinnen.

Die Vorteile des Autos liegen klar auf der Hand und wir haben sie in den drei Wochen ausgiebig genutzt. Aber ich freue mich, wenn wir bald in Amsterdam landen und wieder auf unsere Räder steigen, um nach Bremen zu fahren. Das mit dem Auto bin nicht ich. Ich brauche mein Rad um zu sein wo ich fahre!

1 Antwort

  1. Thomas
    Hallo Hübi, Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich weiß, wieder nr son blöder Spruch wie Nur der frühe Vogel fängt den... und so weiter, aber Sch... ist doch was dran. Kommt die letzen paar Meter von Holland gut nach Hause. Ich freu mich, bis bals Thomas

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