Tierische Tage

An der Küste Chiles zwischen Cobquecura und Constitution ist das Radfahren ein Intervalltraining durch die vielen recht steilen Auf's und Ab's die es zu bewältigen gilt. Die Orte liegen meist direkt am Wasser und dazwischen verläuft die Straße etwas weiter im Landesinneren, durch Forstwald.

An einem der Tage, entlang dieser Küste pedaliere ich gedankenversunken auf dem ausreichend breiten Seitenstreifen. Der Anblick einer Tarantel, die über die Straße krabbelt, reißt mich aus meinen Träumen. Wir halten, ich hole den Fotoapparat raus, Alex filmt mit dem Smartphone. Da gilt es schnell zu sein, denn ruckzuck ist die Spinne im Gras verschwunden. Ich habe nicht mit einer solchen Spinne in dieser Region gerechnet. Unbewusst scanne ich bei der Weiterfahrt die Straße nach weiteren Exemplaren und ich finde welche. Leider alle schon tot, aber es sind unglaublich viele! Ich schaue in den Wald neben der Straße und muss an Harry Potter denken...
Etwas später entdecke ich eine weitere lebende Spinne. Ich halte noch mal an, hole die Kamera aus der Tasche und sehe dann gerade noch wie der LKW die Spinne platt fährt...

Am Nachmittag, ich kann nicht aufhören die Straße nach Krabbeltieren abzusuchen, finden wir einen Käfer. Groß! Ich lege die Kappe meines 67mm Objektivs neben das tote Tier und mache ein Foto. Auch von dieser Gattung finden wir noch ein lebendes Exemplar und wieder bin ich mit der Kamera zu langsam, weil der Käfer im Gras verschwindet.

Seit ein paar Kilometern belagern uns fliegende Insekten, von der Größe einer Hornisse. Das nervt während der Fahrt und auch wenn ich sie hin und wieder mit der Hand wegschlage, verschwinden sie nicht. Ich will ihnen wegfahren und trete kräftig in die Pedale. Auf dem Tacho steht 38 km/h und die Viecher kreisen locker um mich herum. Ich gebe auf! Die sind einfach viel schneller. Als ich wieder auf normale Geschwindigkeit runter bin, setzt sich eine der Monsterfliegen auf die Lenkertasche, grinst mich an und wir beginnen eine Unterhaltung. Sie stellt die üblichen Fragen nach woher und wohin und findet uns mutig, soweit von zu Hause wegzufahren. Überhaupt gefallen ihr Radfahrer sehr, denn mit denen hat sie immer viel Spaß...

Als wir den nächsten Ort erreichen sitze ich wieder alleine auf dem Rad. Wir finden einen Platz am Fluss zum Zelten, der eigentlich ganz schön ist, denn wir sind gut geschützt von Bäumen, aber der Weg zeigt reichlich Spuren von Kühen und Pferden. Wir warten lieber ein wenig mit dem Aufstellen des Zeltes, um den Ort besser einschätzen zu können. Außer ein paar Jugendlichen kommt aber keiner vorbei und die Kühe stehen heute auf der anderen Seite des Flusses.

Als wir später im Zelt liegen, es ist bereits dunkel und wir sind kurz vor dem einschlafen, hören wir Hufgetrappel. Ganz sicher Pferde, denn die rhythmischen Geräusche eines trabenden Pferdes sind kaum zu verwechseln. Es ist aber nicht EIN Pferd sondern ziemlich viele und gefühlt laufen sie direkt neben dem Zelt vorbei. Nach ein paar Sekunden ist der Spuk vorbei und wir schlafen ein, als wir endlich aufhören, etwas ängstlich in die Dunkelheit zu lauschen.

Am nächsten Morgen ist es wie immer mein Job den Tee zu kochen. Ich hebe den Kocher an und darunter krabbelt ein Skorpion. Erschrocken und fasziniert beobachte ich ihn, wie er über das Footprint läuft und dann unter dem Zelt verschwindet. Ich hole die Kamera raus und versuche, wieder mal vergeblich, ihn zu finden und ein Foto zu machen. Heute morgen packen wir sehr aufmerksam unsere Sachen, um keine neuen Reisegefährten mitzunehmen und ich bin froh als wir auf dem Rad sitzen und uns die kühle Morgenluft um die Nase weht. Mein Stofflama am Lenker schaut mir grinsend in die Augen und gesteht seine Liebe zu der Fliege von gestern.
Anmerkung: Magischer Realismus ist eine künstlerische Strömung, die besonders in lateinamerikanischer Literatur, Film und Malerei zu finden ist. Hierbei verschmelzen Wirklichkeit und Magie. Isabelle Allendes "Geisterhaus" ist ein Beispiel dafür.

1 Antwort

  1. Hallo Petra und Markus Ich wünsche Euch ein gutes, gesundes Neue Jahr 2017 :-) Roswitha

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