Hike a bike über die Grenze


Ich schreibe diesen Text Mitte Februar und sitze jetzt in einem Apartment in Rom, wir sind also schon wieder in Europa. Warum wir so lange nicht geschrieben haben?

Es war glaub ich eine Mischung aus enormer Anstrengung, etwas Reisemüdigkeit und dem Wunsch endlich „da“ zu sein.
Die Bedingungen nach der Carrtera Austral haben sich noch mal massiv verändert, die zwar eingeschränkte aber doch immer vorhandene Versorgung auf der Strecke wurde von langen Strecken durch weite, offene Landschaften abgelöst, in denen es fast immer sehr bis extrem windig ist. Hier gibt es dann auf 100 km oder mehr keine Einkaufsmöglichkeiten und der Wind ist ein Faktor, den man schlecht einschätzen kann, was eine sehr genaue Planung voraussetzt. Das ist anstrengend.
Nun aber zurück zu dem anstrengendsten und ungewöhnlichsten Grenzübergang meines Lebens.
Nachdem wir in Villa O’Higgins angekommen sind haben wir uns als erstes um eine Überfahrt über den Lago O’Higgins und den Lago del Desierto bemüht. Zwei verschiedene Anbieter teilen sich diesen Service und so fährt ein Boot am Tag. Theoretisch. Praktisch fährt das Boot nur, wenn die Wetterbedingungen einigermaßen günstig sind, was nicht zu viel Wind bedeutet. Der Lago O‘Higgins ist dann so unruhig wie ein Meer und die kleinen Boote können ihn nicht mehr befahren. Das Boot, welches wir gebucht haben ist glücklicherweise termingerecht abgefahren.
Am 06. Januar stehen wir also morgens um 4:15 auf um zum Fährhafen am Lago O‘Higgins zu fahren, wo die Fähre um 5:30 morgens abfährt. Es sind noch 10 km bis zum wirklichen Ende der Carretera Austral, ab hier fährt nur noch die Fähre, es gibt keine Wege mehr!
Wir fahren noch im Dunkeln los, es ist unsere erste Dunkelfahrt auf dieser Reise! Im Morgengrauen kommen wir am Fährhafen an, an dem sich schon einige andere Radler und Rucksackreisende versammelt haben, die auch heute Morgen über den Lago O‘Higgins wollen.

Nach etwas Warterei werden alle Räder und das Gepäck auf dem kleinen Boot verstaut, ich bin erstaunt, dass alles raufpasst und dann geht es los über den legendär unruhigen See, der sich fast wie ein Meer anfühlt. Ich bin total müde, weil wir so wenig geschlafen haben und auch, weil ich so unruhig geträumt habe. Ich schlafe auf dem stark schaukelnden Schiff trotz eines Schlucks Kaffee und eines (!) Keks ein.
Auf der anderen Seite angekommen ist das Boot mit Hilfe aller schnell entladen und es geht zu der kleinen Grenzstation. Das Besondere hier ist, dass hier nur Menschen ankommen, die diese Insel aus eigener Kraft überqueren, also wandernd, oder mit dem Fahrrad. Das Ausstempeln aus Chile klappt problemlos. Bevor wir uns auf die beschwerlichen 23 km zum Lage del Desierto (dem Wüstensee) machen frühstücken wir erst mal. Wir sind ein kleines Grüppchen mit Colleen, Caroline aus der Schweiz, ein Brasilianer, ein gerade promovierter Biotechnologe aus Deutschland und wir. Das Wetter ist sonnig und wir genießen die bunte Frühstücksrunde im Windschatten eines Baumes.
Anschließend geht es auf sehr schlechtem Schotter mit extrem steilen Anstiegen und viel schieben Richtung Grenze Argentinien. Irgendwo machen wir Mittag und Markus findet Holz, welches er in der Pause ausaxt. Am Grenzschild zu Argentinien endet der Schotterweg und wird zu einem teilweise ziemlich unwegsamen 6 km langenTrampelpfad im Wald. Da Colleen nicht so gut im Rad schieben ist sagt sie nur „I don‘t like this, I don‘t like this,“ als sie den Weg sieht. Es wird klar, dass die Argentinier nicht an einem leicht passierbaren Grenzübergang nach Argentinien interessiert sind. Wir schieben die Räder eigentlich die ganze Zeit, wobei „schieben“ eigentlich recht entspannt klingt. Die Realität ist, dass wir die Räder wahlweise über Baumstämme tragen, durch kleine Bäche und Flüsse schieben oder der Weg eine so tiefe Furche ist, dass ich quasi Laufrad fahre, also das Rad in der Mitte und mit den Beinen rechts und links auf etwa Kniehöhe laufe. DAS ist allerdings ein Riesenspaß!

Die letzten zwei Kilometer ziehen sich aber trotz aller Anstrengung sind wir uns hinterher einig, dass es auf eine ganz eigene Art „Spaß“ gemacht hat. Auf jeden Fall war es ein episches, cooles Abenteuer.

Am Ende kommen wir und die Räder heile unten am Lago del Desierto an. Der Grenzbeamte (der netteste den ich je erlebt habe) stempelt uns in Argentinien ein. In Zeiten von fortschreitender Digitalisierung schlägt er ein großes Buch auf und trägt unsere Daten darin handschriftlich ein. Das passiert wahrscheinlich nicht mehr so oft auf der Welt. Und einen tollen Stempel bekommen wir natürlich auch in unseren Pass. Für die gesamte Strecke haben wir den ganzen Tag gebraucht.
Das schöne Gelände hinter der Grenzstation ist schon mit einigen Zelten bestückt und so bauen wir auf und kochen erst mal einen Pott Nudeln. Auch Caroline hat es wandernd eine Stunde später geschafft und wir freuen uns sie wiederzusehen. Der Brasilianer hat ihren kleinen Rucksack auf seinem Rad mitgenommen und so sind wir wieder vereint.
Ich gehe früh schlafen, bin todmüde, unsere Fähre geht morgen erst um 17:00, also genug Zeit um auszuschlafen und all die netten Leute kennenzulernen, die hier auch gestrandet sind.

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