Am Ende der Strasse

Villa O‘Higgens heißt der kleine Ort, in dem ich in einer Cabaña sitze und schreibe. Alex und ich haben uns in Puerto Montt mit Colleen getroffen um die Carretera Austral mit dem Fahrrad zu fahren. Auf den letzten Metern, besser den letzten zwei Tagen haben wir noch Caroline getroffen und teilen uns nun zu viert unser zuhause für 2-3 Tage. 

Der Ort ist das Ende der legendären Carretera Austral. Eine Straße, auch heute noch zur Hälfte Schotterpiste, die tief ins dünn besiedelte Patagonien führt und in diesem Ort, der erst 1966 gegründet wurde endet. Die Straße selber ist noch jünger. Bevor sie gebaut wurde, gab es Schiffe und Flugzeuge als Transportmittel. So gesehen ist hier alles neu und die Natur hat noch reichlich Platz.

Alle Produkte in diesem Ort müssen über die Carretera hierhergefahren werden. Einiges kommt vielleicht mit den kleinen Propeller Maschinen, die auf der winzigen Piste am Ortsrand landen können. Viel kann das nicht sein, denn ich habe bisher erst ein Flugzeug gehört. 

Dementsprechend wurde die Auswahl an Lebensmitteln auf unserem Wege Richtung Süden immer dünner. Wir hatten keine Probleme mit der Essensversorgung, aber in dem Mini-Mercardos muss man eben nehmen was da ist. Und aufs Rad muss es auch noch passen. Da wird das Essen etwas einseitig. Wir vermissen am meisten frisches Obst und Gemüse. Es gibt welches, aber das aussehen der Früchte würde in Deutschland das Gesundheitsamt auf den Plan rufen. 

Mein Blick aus dem Fenster geht auf die, von den dunklen Wolken fast verdeckten Berge. Es liegen immer noch Schneereste auf den Gipfeln. Die Gletscher zeigen sich bei dem Regen nicht. Mit dem Wetter haben wir alles Richtig gemacht. Wir sind selten im Regen gefahren. Irgendwie haben wir es abgepasst bei schlechtem Wetter eine Pause mit Dach über dem Kopf zu haben. Im Extremfall, wie in La Junta für mehrere Tage. Der Wind haben wir von allen Seiten erlebt. Mit Wald und Bergen wurde der oft abgemildert, so dass wir uns nicht beklagen können.

Berge gibt es viele, ebene Strecken eigentlich nur selten bis gar nicht. Der Verkehr ist nur am Anfang und Ende von den größeren Ortschaften wir Puerto Montt und Coyhaique etwas nervig. Nach dem kleinen Ort Cerro Castillo sind wir nur auf Schotter gefahren (ca 600 km). Es gab nicht mehr viele Autos unterwegs, aber wenn, haben sie uns in eine Staubwolke eingefüllt. Wer als ersten das Auto gesehen / gehört hat rief laut „Dustbomb“ und jeder hatte Zeit ein Tuch über Mund und Nase zu ziehen. Räder, Taschen, Zeug und Haut war abends grau. Bei Regen ist das besser – vermutlich der einzige Vorteil. 

Wir haben an traumhaften Plätzen gezeltet. Geschützte Plätze am Fluss an denen wir das Lagerleben genossen haben. Kochen, Waschen im Fluss, ich habe Zeit gehabt um Löffel zu schnitzen und wir haben viel geredet. Handy Empfang ist selten, so dass nur die Fotos und die kommende Strecke ein Grund sind auf den Bildschirm zu schauen. Da bleibt viel Zeit um einfach zu sitzen und zu schauen. Und wenn es abends kalt wird kuschelten wir in die warmen Schlafsäcke.

Die Landschaft ist schön. Das trifft es aber nicht. Ich habe nicht die richtigen Worte für die Schönheit dieser Gegend. Wenn wir auf dem Rad anhalten, um den Ausblick zu genießen, wenn uns wieder bewußt wird, dass wir unseren Traum leben und mit dem Rad in dieser Natur unterwegs sind, ist es nicht nur die Landschaft. Es ist der Moment in dem die Zeit still steht und alles klar und gut ist. Ich habe dafür keine Worte, aber wenn ich daran zurück denke, bin ich glücklich.

Wir haben unterwegs mit Erkältung, Rückenschmerzen und einer Infektion zu kämpfen gehabt. Die schwer zu fahrende Strecke und nicht gesund zu sein, hat uns sehr gefordert. Wir haben auch gezweifelt, ob wir die ganze Strecke schaffen. Am Ende haben wir es geschafft. Das Beweisfotos Foto am Ortseingang ist gemacht.

Wir haben einen Haken auf unserer Bucket-List gemacht! Die Carretera Austral mit ihren 1450 Kilometern liegt nun hinter uns. Kopf und Beine, eigentlich der ganze Körper und auch die Seele kann sich gut an diese Strecke erinnern. Vermutlich verblassen die Anstrengungen mit der Zeit und wir bewahren uns die schönen Erinnerung. Ich will die Strecke nicht noch ein Mal fahren, aber ich möchte auch gegen kein Geld der Welt diese Erinnerung tauschen.

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