Warum?
„Frau Hübner, warum reisen Sie eigentlich mit dem Rad und nicht mit dem Auto oder Flugzeug“
So oder so ähnlich wurde mir als Lehrerin schon oft die Frage gestellt, wenn ich erzählte, dass ich gerne lange Radreisen in fremde Länder unternehme. Gerade in den letzten Tagen, die ein wenig unbequem waren, das Wetter ist gerade kalt und unbeständig in Spanien, wir sind in einer der entvölkertsten Regionen Spaniens unterwegs (Kastilien, La Mancha) was die Versorgung schwierig macht, wir haben gerade unsere ersten ernsthaften Pässe gefahren und ich merke, wie sehr ich doch mit meinen nun fast 58 Jahren Sicherheit und Komfort schätze, habe ich mir die Frage selbst öfter mal gestellt: Warum mache ich das eigentlich?
Auf dem Rad auf den langen Anstiegen und jetzt während des Pausentages in einem dieser fast leeren Dörfer wo das Museum zu hat und in den Bars nur der örtliche Trinker hockt hatte ich viel Zeit darüber nachzudenken, schließlich mache ich das hier ja freiwillig, ich könnte sogar jederzeit nach Hause fahren. Nachfolgend also ein paar Gedanken zu dem WARUM in nicht chronologischer Reihenfolge:
Grund 1: Lernen
Seit wir durch diese leeren Dörfer fahren betrifft mich ihr Schicksal selber unmittelbar, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin: Ich möchte gerne einen Kaffee trinken, weil es kalt ist und ich müde bin, oder mittags suche ich ein offenes Restaurant, welches ein sättigendes Essen für Radler anbietet, morgens hätte ich gerne eine Bäckerei, um Brot für den Tag einkaufen zu können, oder einen Laden, der wenigstens ein paar Gemüse und Obstbasics verkauft. All das gibt es oft nicht. Wir fahren zwar durch viele Dörfer, in denen wir aber meistens nur ein paar alte bis sehr alte Menschen sehen, die einen kleinen Plausch an der Ecke halten. Auch für sie gibt es keine Bar oder Laden mehr. So ploppte immer wieder die Frage in meinem Kopf auf: Ist diese Region, durch die ich gerade fahre wirklich so entvölkert und bin ich nur zufällig gerade in den Dörfern wo so wenig los ist? Also habe ich mich jetzt hier im Hotel aufgemacht und nach Informationen gesucht ob und warum das so ist und warum diese Entvölkerung so problematisch ist und ob es vielleicht schon Lösungsansätze gibt. (Link dazu siehe unten).
Diese Art des Lernens ist für mich absoluten organisch und natürlich, ich bin unterwegs, eine Beobachtung/Problem taucht immer wieder auf und ich kann ihm nicht, wie im Auto, einfach wegfahren, also weiter in den nächsten Ort mit einem netten Restaurant. Mir macht es Spaß so neue Länder und Kulturen zu er-fahren oder er-radeln, das ist für mich nachhaltig und ich fange an diese neue Er-fahrung mit mir selbst und meinem Leben in Beziehung zu setzen.
Grund 2: Erfahrungen verändern mein Leben
Ich denke zum Beispiel darüber nach, wie ich leben möchte, besonders nachdem ich in Rente gegangen bin. Wenn wir von dieser Reise wiederkommen arbeite ich noch maximal 9 Jahre, das ist nicht mehr so viel. Es ist schon klar, dass ich die Schule wechseln werde und wenn mein Traum in Erfüllung geht wird das eine Schule in Bremen Nord sein, wir werden dann umziehen, damit der Weg zur Schule nicht so weit ist. Markus und ich schätzen die Einsamkeit und die landschaftliche Weite sehr, aber möchte ich als alter Mensch wirklich an einem Ort leben, wo sonst kaum noch jemand ist, außer alte Menschen? Als Lehrerin schätze ich den Austausch und auch die Rückmeldung von jungen Menschen sehr, will ich dann wirklich in die Hütte im Wald? Oder vielleicht doch lieber zu einer kleinen, aber gesunden Gemeinschaft dazugehören, mit alten und jungen Menschen, sei es ein Stadtteil oder auch ein Dorf?
Und all diese Gedanken sind entstanden, weil ich gerade durch die entvölkerten Dörfer Spaniens mit dem Rad reise und ich durch diese Reiseform VIEL Zeit zum Reflektieren und Nachdenken habe und wenig Gelegenheit diese Fragen beiseite zu schieben.
Natürlich gibt es noch mehr Gründe, warum ich so gerne Langzeitreisen mit dem Rad mache, davon könnt ihr dann in einem weiteren Artikel lesen.
Wie kommt ihr zu einer solchen Auseinandersetzung mit euch selbst und zu wirklich intrinsisch motivierten Lernanlässen? Schreibt es mir doch gerne in die Kommentare.
Ergänzend ein Artikel auf der Deutscher Welle:
Comments
Sorry, the comment form is closed at this time.



Antje
Danke für die interessanten Gedanken und Deine Sicht auf Spaniens Dörfer und den extra Bericht – ganz spannend, wie unsere Zukunft aussehen kann und was sich noch verändern darf, damit die Schönheit der Landschaft und Dörfer sich mit einer „Lebensfähigkeit“ samt Läden und Infrastruktur erhalten kann…. ja, und wie wir so im Alter damit umgehen, auch spannend…. Vielen Dank auch für den nächsten Perspektivwechsel Post – den ich eben auch sehr inspirierend fand – lässt mich auch meine Reisen nochmal neu und anders betrachten – wünsche euch weiterhin gute Fahrt und viele gute Momente, Menschen, Erlebnisse 🙂 Wunderbare Möglichkeit. Herzliche Grüße Antje