Warum? Teil 2

Perspektivwechsel

Zuhause fällt einem die Decke auf den Kopf, die Arbeit läuft gerade nicht rund und das Wetter ist auch scheiße. Solche Tage kennen wir wohl alle. 

Wenn wir auf Radreisen gehen, ist das für mich auch immer eine Flucht vor dem Alltag zuhause, der mich manchmal

langweilt und manchmal überfordert. Auf einer einjährigen Reise haben wir die Freiheit selbst zu entscheiden, wohin wir fahren und wann und wo wir Pause machen. Also rauf aufs Rad und weg!

Damit stürzen wir uns automatisch in einen Perspektivwechsel, den ich sehr lehrreich und heilsam finde. 

Wir verzichten unterwegs auf viele Dinge, denn alles was wir dabei haben muss aufs Fahrrad passen. Die Waschmaschine gehört zum Beispiel nicht dazu. Anfangs ist die Handwäsche noch kein Problem, aber wenn es regnet und die Wäsche nicht trocknet bevor die Nacht hereinbricht, wird schnell deutlich wie angenehm der Luxus von Hausaltsgeräten und einer festen Unterkunft ist. 

Das gleiche gilt für das Einkaufen, Trinkwasser aus dem Wasserhahn, etc. Zusammenfassend kann ich aus der Ferne feststellen, dass es zu Hause gar nicht so übel ist. Manchmal muss ich dazu raus, um das wieder zu erkennen.

Soweit zu gut und schlecht. Der Perspektivwechsel auf der Reise zeigt aber auch die anderen Lebensgewohnheiten unter anderen Bedingungen. Bei heißen Sommertagen über 40 Grad Celsius, wie diesen Sommer in Sevilla, lange Siesta zu machen ist nur logisch. Wenn dann ab 17:00 wieder gearbeitet wird, machen die Restaurants erst um 20:30 auf – denn vorher kommen sonst höchsten zwei Radreisende aus Bremen. Die Locals arbeiten bis dahin. Wir lernen uns an die Situation anzupassen.

Wenn wir oben auf einem Pass angekommen sind, und die Serpentinen unter uns sehen, die wir so mühsam raufgefahren sind. Wenn wir also diesen räumlichen Perspektivwechsel erleben, ist das wie ein Rückblick der zeigt, was wir aus eigener Kraft mit Geduld und Anstrengung erreicht haben. Oben angekommen sind wir erleichtert, stolz, fühlen uns stark und frei. 

Ich finde, wir machen solche Rückblicke im Alltag viel zu selten. Dabei würde es uns bestimmt helfen. Wir würden uns beim nächsten Anstieg erinnern, dass wir bald wieder da oben auf dem Pass stehen und glücklich sind. Das würde uns durch die ganz steilen Passagen helfen, oder?

Wenn ich hier in Spanien nach dem Weg frage, kommt manchmal ein Schwall von Gegenfragen. Ich versuche mit meinem sehr begrenzten Spanisch im Gesicht des Menschen zu lesen, was gemeint ist und kann manchmal kaum erkennen ob es gut oder schlecht ist. Wo schön ist es, wenn ich dann wenigstens ein Lächeln bekomme und wir versuchen uns gegenseitig zu verstehen. Anschließend auf dem Rad kann ich wieder meinen Perspektivwechsel machen. Ich freue mich über die Hilfe, die ich bekommen habe und die Geduld mit meinen Sprachmängeln. Da nehme ich mir vor, wenn mich zuhause jemand um Hilfe bitte und nicht gut Deutsch spricht, das ich erst mal lächeln werde. Und dann mit viel Geduld versuche zu helfen.

Wenn ich das schon aufschreiben kann, hab ich doch alles gelernt und kann wieder nach Hause, oder?

Nö – Ich vergesse zu schnell und ich bin neugierig. Und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass es nicht darum geht sich das Leben so einfach wie möglich zu machen. Es ist wichtig mobil zu sein mit dem Körper und vor allem auch mit dem Kopf. Die Reise ist also auch ein Training und ein Jungbrunnen. Das sagen Alexandra und ich uns auch auf dieser Reise immer wieder. Denn wir vermissen die Annehmlichkeiten manchmal sehr.

Was würdet ihr vermissen, wenn ihr auf einer solchen Reise gehen würdet? Schreibt es gerne in die Kommentare. 

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