Gesundheit und Fitness
Gerade gestern habe ich wieder ein Mal gehört, dass wir ja „In Good Shape“ sein müssten, wenn wir eine solche Reise machen. Ich weiß nicht genau, was ich darauf antworten soll. Denn ein einfaches „Ja“ wäre glatt gelogen. Aber offensichtlich
sind wir fit genug, um mit dem Fahrrad von Bremen nach Spanien und sogar noch weiter zu fahren.
Ich bin 55 Jahre alt und meine Gesundheit sieht ungefähr so aus: Ich habe kaputte Knie von 20 Jahren Volleyball spielen. Ich wurde mehrfach an den Krampfadern operiert. Wenn der Stresslevel steigt habe ich gerne mal „Rücken“ und ohne Brille finde ich nur die Wege, die ich schon kenne. Meine Neurodermitis habe ich mit Cortison einigermaßen im Griff. Im letzten Jahr vor der Reise habe ich aufgrund meiner Arbeitssituation weniger Fahrrad gefahren als in den Jahren davor. Auf auf diese Weise habe ich reichlich Gewicht zu gelegt und war Anfang des Jahres wegen Herzrhythmusstörungen beim Kardiologen.
Ich bin alles andere als „In Good Shape“. Vor allem, wenn ich mich an meine Leistungsfähigkeiten von vor 10 oder 20 Jahren erinnere. Als wir die ersten Radreisen unternommen haben und Alexandra noch nicht an diese Art der Anstrengung gewöhnt war, konnte ich sie die Berge fahrend raufschieben. Im Juli vor dieser Reise war das undenkbar für mich.
All diese Wehwehchen sind jedoch kein Grund eine solche Reise nicht zu machen, ganz im Gegenteil. Es ist eine gute Möglichkeit gesünder zu werden.
Ein weiter Satz, den wir oft gehört haben lautet. „Ich bewundere, was ihr da macht. Ich könnte das nicht.“
Das mag in Einzelfällen stimmen. Für die meisten Menschen fehlt nach meiner Einschätzung jedoch der tiefe Wunsch eine solche Reise zu machen. Aus einer inneren Motivation heraus kann der Körper unglaubliche Leistungen vollbringen.
Wenn der Wunsch da ist, scheint es mir nur noch wichtig zu sein, überlegt eine solche Reise anzugehen. Den Körper langsam zu fordern und es nicht zu übertreiben. Also kurze Etappen am Anfang und eine Prise mehr Komfort. Zum Beispiel eine feste Unterkunft, Essen gehen statt selber kochen, oder bei schlechtem Wetter einen Pausentag zum Abwettern einlegen. Die Reise selbst stellt dann täglich neue Aufgaben und lässt von ganz alleine die Intensität schwanken. Die guten Erlebnisse motivieren ebenso wie ein Rückblick auf die bereits geschaffte Strecke.
Ich habe es immer wieder an mir selber erlebt, dass der Körper sich anpasst. Mal tut das Knie weg, dann zwickt es in der Wade und manchmal klappt es mit der Verdauung nicht oder was auch immer. Alle die Beschwerden gingen vorüber. Gestern sagt nun jemand, ich müsse ja fit sein…
Ich würde sagen, ich bin nicht fit, aber werde es jeden Tag etwas mehr.
Noch mal zurück zur Motivation. Mit einem großen Wunsch starten heißt ja nicht, das wir jeden Morgen aufwachen und uns auf die nächsten Höhenmeter freuen. Es ist anstrengend, manchmal sehr! Aber Erfolgserlebnisse, Glücksmomente, Freude über eine tolle Aussicht kommt nicht während wir auf dem Sofa sitzen.
Beim Volleyball haben wir Woche für Woche mit Hingabe trainiert, um dann ein Mal in der Saison dieses eine Superspiel zu spielen wo einfacher alles passt. Auf einer solchen langen Radreise gibt es Zeiten in denen alles ganz normal läuft, es gibt Zeiten in denen wir verzweifeln, uns fragen ob alles noch sinnvoll ist. Und dann gibt es diese richtig guten Tage. Das heißt, wenn es mal nicht läuft, ist das ganz normal. Alle diese Phasen gehören dazu – das ist immer so. Wieder so eine Erkenntnis die das Durchhaltevermögen stärkt. Wenn es mal schwer ist, ist das nicht schlecht sondern Teil des Abenteuers. Und es ist klar, dass auch wieder gute Tage kommen.
Eine solche Reise verbessert also nicht nur die Fitness, sondern steigert auch die mentale Stärke und bringt außerdem einen ganz Sack voll toller Erfahrungen, die auch im Alltag nach der Reise über manche anstrengende Zeit helfen können.
Natürlich gibt es die ganz persönliche Grenze. Und es ist gut zu erkennen, wo diese ist. Ein Vergleich mit anderen ist ok, der Versuch die gleiche Leistung zu bringen kann aber nach hinten losgehen. Aber auch das zeigt einem die Reise jeden Tag aufs Neue.
Wichtig ist: Es muss nicht jeder eine solche Radreise machen! Ich bin der letzte, der jemanden dazu überreden will. Aber, wenn der Wunsch da ist, so etwas zu tun, sollten nicht Fitness oder körperliche Einschränkungen diesen Traum im Keim ersticken.
Wer jetzt innerlich Luft holt und mit „ja aber…“ antworten möchte, warte bitte kurz. Versucht einen Satz ohne „aber“ zu formulieren. Sucht nicht nach Hindernissen, sondern nach Möglichkeiten. Natürlich nur, wenn ihr wirklich wollt.
Comments
Sorry, the comment form is closed at this time.



Thomas
So schön positiv formuliert.
Ja aber… ist der Killer für sooo vieles.
Mein alter Mathelehrer sagte immer wenn wir zu viel gefragt haben: „Tuts doch einfach“. Den Satz sag ich mir immer wenns mal schwierig aussieht. Und siehe da, es klappt dann meistens doch fast von alleine.
In diesem Sinne, wenns mal kneift… „Tuts doch einfach“👍